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Geschichte der Realschule Westerland

Mittel- oder Realschulen gab es erst mit der Neuordnung des mittleren Schulwesens durch das Preußische Kultusministerium am 3.2. 1910. Schon im März 1910 wurde von den  Westerländer Stadtvätern beschlossen, eine Mittelschule zu gründen. Eröffnet wurde sie dann mit dem neuen Schuljahr am 9.5.1910 mit einer Klasse von 26 Jungen und 14 Mädchen. Das Schulgeld betrug für Westerländer Kinder 96 Mark, für Kinder aus anderen Inselorten 144 Mark. Als erstes Schulgebäude diente die ehemalige Leichenhalle nahe der Dorfkirche. Die Schule wuchs, man unterrichtete im Hotel Germania und in der alten Mädchenschule. 1913 konnte dann endlich der Umzug in das neue Mittelschulgebäude stattfinden. Anfangs wurden 162 Schüler in sechs Klassen aufgenommen. 1960 reichte das Gebäude noch für zweieinhalb mal so viele Schüler in 12 Klassen. Die Schule erfüllte einerseits die Aufgabe, den Erwerb der Mittleren Reife zu ermöglichen. Andererseits diente sie als “Zubringerschule” für weiterführende Schulen. Die Schülerzahl schwankte, betrug aber im Mittel der Jahre bis 1945 um die 140.  Nach dem Krieg stieg die Zahl gewaltig an. 1953 besuchten 453 Schüler die Realschule. 1960 waren es dann 340 Schüler in 12 Klassen. Die Mädchen stellten übrigens zwei Drittel der Schülerzahl. Anfangs war es die Schule für Kinder einer verhältnismäßig kleinen sozialen Schicht von Eltern, die es sich finanziell leisten konnten, ihre Kinder in einen weiterführende Schule zu schicken. Im Laufe der Jahrzehnte wurde die Realschule aber eine eigenständige Schulform.

I, Jahre 1968 wurden in der Stadtvertretung die ersten Überlegungen für ein Schulzentrum Sylt angestellt. Im März 1977 konnte dann der erste Bauabschnitt, der Neubau der Realschule in der  Boy-Truels-Str. 19 eingeweiht werden. Grund für die Planung des Schulzentrums war pure Raumnot. Anfangs plante man im Süden Westerlands zu bauen, dann baute man doch im Norden. Der Bau einer Sporthalle kam hinzu und im Jahre 1983 konnte die Hauptschule in ihr neues Gebäude einziehen.

Anfang der 80er-Jahre hatte die Realschule fast 600 Schüler. Einige Jahrgänge wurden vierzügig unterrichtet. Jeder Raum mußte als Klassenraum genutzt werden. Im Laufe der letzten 20 Jahre hat sich  die Schülerzahl wieder stark verringert. Klassenräume konnten zu speziellen Fachräumen ( Klassenarbeiten, Deutsch, Lesen, Computer, Erdkunde, Geschichte) umgewandelt werden. Die Schülerzahl steigt seit einigen Jahren wieder und  im Augenblick hat die Realschule ca. 350 Schülerinnen und Schüler.

Alte Relschule 1913

Schulweg zur Leichenhalle

1910

Umzug in die neue Schule 1913

Wir möchten die Geschichte der Schule durch Berichte ehemaliger Schüler und Lehrer veranschaulichen. Wir hoffen, im Laufe der Zeit etliche Berichte veröffentlichen  zu können.Bisher sind vertreten:
Joachim Pleines (auf dieser Seite)
Gerhard Scheer
Hubertus Jessel
Dr. Claus Andersen
Birgit Boysen
Nils Kirsten
Klaus Vollgraf
Ute Koch
Wilfried Becker
Erich Hoppe
Niko Johannsen

 

Joachim Pleines
Lehrer von 1963 bis 1993

Erinnerungen von Joachim Pleines

 

Ich kam im Frühjahr 1964 mit 33 Jahren an die damalige Mittelschule als Lehrer mit den Fächern Religion und Englisch. Ich war damals der jüngste Lehrer, die anderen Kollegen waren Geburtsjahrgang  1908-1916. Mein “jugendliches” Alter erzeugte unter Schülern Begeisterungsstürme, die Kollegen waren geteilter Meinung. Kollege M. meinte, dass man über mich wohl erführe, wer von den Schülern in welcher Kneipe rum hinge!!! Nach 5 Jahren legten sich aber die Stürme in dieser Hinsicht. Notgedrungen führte ich einiges ein, was bei Licht besehen keinen Innovationen, sondern platte Selbstverständlichkeiten waren.

  • - Sexualkundeunterricht
  • Bis dahin bestand das Angebot aus dem Sexualleben von Bienen und Schmetterlingen mit dem Hinweis, dass es bei Menschen ähnlich sei. Die Schallplatte “Wunder des Lebens” wurde auch schon mal abgespielt.
  • - Englischunterricht
  • Ich setze als erster Tonbänder ein, versuchte nur englisch zu sprechen, vermittelte die Grammatik mit Hilfe von Liedern und ließ Brieffreundschaften anknüpfen.
  • - Religion
  • Ich behandelte außerchristliche Religionen und Gospels
  • - Biologie
  • Dieses Fach wurde mir “aufgedrückt”. Mir war es wichtig, raus zu gehen und Pflanzen zu entdecken oder auch am Strand Biologie zu erleben.
  • Nach dem Tod eines Kollegen unterrichtete ich auch noch Physik. Ich bestand auf der Anschaffung von zwei Phywe-Kästen für Mechanik. Man stelle sich nur einmal vor, einem frischgebackenem Lehrer der Realschule würde heute “zugemutet” werden aus dem Stand und ohne Ausbildung Bio- und Physik zu unterrichten.
  • Straßenverkehrsunterricht fand vor Ort statt um den Schulweg zu sichern. Blumen am Straßenrand dienten als Pflanzenkundeobjekte.
  • 1967 fand die erste Fahrt eines Teils der Realschule Westerland nach Ost-Berlin statt. Im gleichen Jahr wurden die Abschlußaktivitäten wiederbelebt. In M. Petersens Gasthof wurde viel gelacht,  getanzt und geulkt. Alle Eltern waren dabei.
  • Der Unterrichtsstil bestand zu 80% aus Frontalunterricht.
  • Bevor das Wort Arbeitslosigkeit in Deutschland bekannt wurde liefen die letzten Stunden, Tage, Wochen vor dem Abschluß Gefahr, im Sande zu verlaufen, da wegen des reichen Stellenangebots die  Meinung vorherrschte, auch mit miesem Zeugnis oder ohne Realschulabschluß würde man leicht was finden.
  • Es gab noch keine Elternsprechtage, dafür machte ich in den ersten Jahren noch Elternbesuche bei Schülern meiner Klasse.
  • Eltern- und Schülervertreter waren in Konferenzen eher Zaungäste.
  • Mit zunehmendem Druck auf dem Arbeitsmarkt kamen dann “ungemütlichere” Zeiten. Mütter kämpften wie Löwinnen um den Verbleib ihrer Kinder auf der Realschule unter Vorbringen aller möglichen Gründe warum das Kinde denn so große Probleme habe. Ganz, ganz selten wurde auch zugegeben, dass man zu wenig Zeit für das Kind habe.
  • Ich persönlich empfand die Einführung der Wahlpflichtkurse nach 1977 als sehr erfreulich. Endlich konnte man nachmittags raus und Zusammenhänge unterrichten. Arbeit in Gruppen war nun auch möglich. Das ganze Jahr über konnte das Aquarium eingesetzt werden.
  • Ende gut - alles gut? Da ich das Jahr 1993 als Pensionierungsjahr anstrebte, verzichtete ich auf die Segnungen der Computerei. Ich schied nach 40 Dienstjahren aus dem Dienst aus und ich  glaube, das war nun auch wirklich lange genug.