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Gerhard Scheer
Schulleiter von

Freiwillig mehr Unterricht?

Von Gerhard Scheer

28 Sylter Realschüler wählten, als sie sich für die Fächer der neuen Wahldifferenzierung entscheiden mußten, ein Fach zusätzlich, das heißt: 37 % aller Schüler der 8. Klassen der Realschule Westerland wählten freiwillig zwei bis vier Sunden wöchentlich mehr Unterricht, als für sie vorgeschrieben war. Das klingt unwahrscheinlich, war aber tatsächlich so.
Bislang hatte es für die Realschuloberstufe in Schleswig-Holstein einen sprachlichen und einen mathematischen Zweig gegeben. Aber irgendwie hatte sich diese Verzweigung nicht bewährt. Eine Gruppe von Realschullehrem suchte nach neuen Wegen und erarbeitete ein Modell, das  zuerst in der Realschule Westerland erprobt wurde.
Ab Klasse 9 konnten sich die Schülerin und Schüler aus einem bestimmten Angebot Fächer in einem Umfang von 6 Wochenstunden selbst wählen. Im Angebot waren Französisch mit  vier Wochenstunden, in einem naturwissenschaftlichen Bereich die Fächer Physik, Chemie und Biologie; ein neuer Bereich bot Politik und Wirtschaft, alle genannten Fächer mit je zwei Wochenstunden wie auch die Fächer des letzten Bereichs: Musik, Kunst, Werken, Textiles Werken und Hauswirtschaft.
Nach umfangreicher Information am Ende der Klasse 8 mußten sich nun die Schüler entscheiden. Auf das Ergebnis war man allseits sehr gespannt. Kritiker und Skeptiker sagten voraus, daß die Schüler leichtere, bequeme Kurse wählen würden, man sprach von ,,Dünnbrettbohrern" und meinte voraussagen zu können, daß diese Wahlmöglichkeiten das Ende der zweiten Fremdsprache bedeuten würde.
Aber die Wahlentscheidung der Sylter Schüler überraschte alle.

Von den 76 Schülern der Westerländer Realschule, die befragt wurden, wählten 28 das 4-Stunden-Fach Französisch, je 46 den Bereich Politik/Wirtschaft oder den naturwissenschaftlichen Bereich, und 80mal wurde ein Fach aus dem musisch bzw. technischen Bereich gewählt.
Etwa die Hälfte der Schüler kombinierten Französisch, Politik/Wirtschaft oder Naturwissenschaften mit einem Fach aus der musisch-technischen Fächergruppe.
Das Ergebnis ? Die Jugendlichen hatten viel reifer, viel überlegter gewählt, als die Optimisten unter den Pädagogen zu wagen gehofft hatten. Die Kritiker, die Skeptiker verstummten, erst recht, als sie erfuhren, dass mehr als ein Drittel der Schüler ein Fach mit mindestens zwei Wochenstunden zusätzlich gewählt hatte.

Das alles geschah 1975 und war der Beginn der Wahlpflichtdifferenzierung in Schleswig-Holstein.

Hubertus Jessel
Dr. Claus Andersen
Birgit Boysen
Nils Kirsten
Klaus Vollgraf
Ute Koch
Wilfried Becker
Erich Hoppe
Niko Johannsen