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Erich Hoppe
1971-1997

Werdegang eines Realschullehrers

Grundschulzeit während des 2. Weltkrieges

Eingeschult wurde ich im Herbst 1941 in die Grundschule in Westerland, also während des 2.Weltkrieges, und dort erlebte ich auch den letzten Schultag vor derKapitulation. An die Abschiedsworte unserer damaligen Lehrerin kann ich mich sehr genau erinnern: “ Und nun ihr lieben Kinder lasst uns immer an unseren lieben Führer denken. Heil Hitler!”
Ich kann mich nicht entsinnen, dass wir in der Schule politisch beeinflusst wurden. Das geschah hauptsächlich durch die Wochenschauen im Kino und die “Göbbelsschnauze “(Volksempfänger-Radio) zu Hause. Schule damals war anders. Ich erinnere mich, dass unsere Lehrerin -es war im 2. oder 3. Schuljahr - im Rechenunterricht durch die Reihen ging und alle nach vorne befahl, deren Aufgaben fehlten, unvollständig oder unsauber gemacht waren. Dort warteten wir und bekamen je nach der Schwere unseres Vergehens einen oder mehrere Schläge mit dem Reetstock auf die Finger.
Einmal wurde sogar ein Schüler öffentlich vor versammelter Schule mit einem Stock gezüchtigt.
 Besonders gegen Ende des Krieges gab es immer öfter Fliegeralarm. Hörten wir einen Heulton, der dreimal auf und abschwoll, dann war es Voralarm.
Wir mussten so schnell wie möglich nach Hause laufen. Kam gleich der Hauptalarm (an- und abschwellender Ton), dann mussten wir in den Bunker, der sich heute noch unter dem Vorplatz an der St. Nicolai-Kirche befindet. Wir beobachteten, wie die Bomberflotten der Engländer und Amerikaner in großer Höhe über unsere Insel flogen, unerreichbar für die Flak. Wir wussten um die fürchterlichen Verwüstungen unserer Städte, und ich bildete mir ein, alle Engländer töten zu können. Nur einer war ausgenommen. Das war ein englischer Pilot, ein Kriegsgefangener, der an den Gleisen der damaligen Inselbahn arbeitete. Er gab mir zu verstehen, dass er und seine Kameraden von einer deutschen Me 110 ( Nachtjäger)abgeschossen worden waren. Er wurde mein Freund.

Die Nachkriegszeit bis zum Abitur 1956.

1947 wurde ich Schüler der Friedrich-Paulsen-Schule in Niebüll. Auf Sylt gab es noch kein Gymnasium, und so mussten wir jeden Tag mit dem Zug nach Niebüll fahren; das aber unter Bedingungen ,die man sich heute kaum vorstellen kann. Es war eine Zeit großer Not. Es gab wenig zu essen. Die Menschen fuhren mit den Dingen die sie tauschen konnten aufs Festland, um bei den Bauern Kartoffeln, Wurzeln , Rüben oder gar ein Stück Speck einzutauschen. Die Züge waren deshalb überfüllt. Viele standen auf den Trittbrettern oder saßen auf den Dächern. Auch mein Bruder, der vier Jahre älter war als ich, ist oft auf dem Dach zu Schule gefahren. Das durfte ich nicht. In den Abteilen standen wir so dicht beieinander, dass man sich kaum umdrehen konnte. Bis weit in den Herbst hinein fuhren wir barfuss in Turnhose und Hemd. Als Schulbrot gab es in der ersten Zeit gekochte Kartoffeln, Wurzeln oder Rüben. Die Züge waren meist ungeheizt, und oft waren Fenster zerbrochen.

In der Schule gab es dann Ende 1947 Schulspeisung , die uns von den Amerikanern und Dänen gespendet wurde. Wir bekamen Fisch-, Grieß- , Haferflockensuppen, manchmal auch eine kleine Tafel Schokolade. Alles wurde mit Heißhunger verschlungen. Gegen 7.00 Uhr begann unsere Fahrt zu Schule. War der Zug pünktlich, was sehr selten war, waren wir gegen 15.30 Uhr wieder in Westerland. Den Dampflokomotiven ging bei starkem Weststurm bisweilen die Puste aus, und dann wurden wir im Schritttempo oder auch mit langen Pausen an unser Ziel gebracht.

Im 5. Schuljahr  waren wir 56 Kinder, eine Zeit mit vielen Tränen, denn Kopiergeräte oder Drucker gab es damals natürlich noch nicht. Die Lehrer schrieben zum Beispiel die Aufgaben einer Mathematikarbeit an die Tafel und  uns Kindern fiel es sehr schwer, die Handschriften zu entziffern. Anfangs schrieben wir auf Plastiktafeln, auf Packpapier oder auf freien Seiten, die wir aus alten Büchern heraustrennten. Es wurde damals sehr viel auswendig gelernt. 1948 nach der Währungsreform gab es auf einen Schlag wieder alles zu kaufen, nur -  die wenigsten konnten sich alles leisten. Von den 56 Schülern der Einschulungsklasse erreichten nur wenige das Abitur. Die meisten würden mit ihren Abiturzeugnissen heutzutage nicht mehr zum Studium zugelassen.

Einen Notendurchschnitt von 1,0 gab es einfach nicht.
 Die Prüfungen zogen sich über drei Tage hin, und keiner wusste, in welchen Fächern er geprüft werden würde, geschweige denn, welche Themen Inhalt einer Prüfung waren

Pädagogikstudium an der PH in Flensburg - Mürwik 1956-1958

Vier Semester, also ganze zwei Jahre dauerte die Ausbildung zum Grund- und Hauptschullehrer. Da Deutschland keine Soldaten haben durfte, diente die alte Marineschule als Hochschule. Während dieser Zeit mussten wir zusätzlich drei Praktika machen: ein sozialpädagogisches -, zum Beispiel in einem Kinderheim, ein Stadt- und ein Landschulpraktikum, jeweils 4 Wochen.

Mein Landschulpraktikum in Rantum auf Sylt war ein wunderschönes Erlebnis.

38 Mädchen und Jungen  vom 5. bis zum 9. Schuljahr waren in einer Klasse. Für mich als jungen Studenten gab es keinerlei Schwierigkeiten. Alles lief von allein.
Machte ich z.B. mit den Kindern der Stufen 5 und 6 Kopfrechnen, dann erledigten die übrigen konzentriert ihre Aufgaben. Waren dann die 6. Und 7. Klassen mit dem Kopfrechnen dran, so halfen die aus dem 9. den Kleinen, wenn Hilfe erforderlich war
und die schnellen Rechner unter ihnen beteiligten sich am Kopfrechnen der Älteren.

Eine Überraschung für mich war, dass einige Mädchen zu jedem neuen Lied sofort eine zweite Stimme singen konnten. Im Verlauf des Studiums lernten wir viele verschiedene Klassen in ganz Flensburg kennen, mussten Stunden unserer Kommilitonen beurteilen oder wurden selbst bei unseren Unterrichtsversuchen kritisch begutachtet.

Es waren wertvolle Erfahrungen, die wir für die spätere Praxis sammeln konnten, zumal etliche unserer Ausbilder erfahrene Pädagogen waren.

Erste Lehrerstelle in Flensburg von 1958- 1963

In Erinnerung sind mir riesige Heftstapel geblieben, die bei der Korrektur einfach nicht kleiner werden wollten. Klassen unter 40 Kindern gab es nicht. Meine stärkste Klasse hatte 48  im 7. Schuljahr. Wir mussten alle Fächer unterrichten, auch die, die wir nicht studiert hatten. So saß ich oft stundenlang, suchte und übte mit meiner Blockflöte neue Kinderlieder oder forschte nach guten Gedichten . Es kam kaum vor, dass Schüler ihre Hausaufgaben nicht machten und Stillarbeit konnte man wirklich als solche wahrnehmen.

Zweite Lehrerstelle Grund- und Hauptschule Westerland 1963 - 1972

Meine erste Erfahrung hier war, dass es nicht selbstverständlich war, die Hausaufgaben zu machen, auch nicht in einem vierten Schuljahr. Diese Erfahrung wurde bis zu meiner Pensionierung erhärtet. Das soll keine Anklage sein, weiß ich doch, dass es nur allzu menschlich ist, wenn man mit möglichst wenig Arbeit das bestmögliche Ergebnis erzielen möchte. Man sollte nur ein Gespür dafür haben, wann die Grenze der Faulheit erreicht ist. Es war an der Hauptschule nicht immer leicht, unter dem Strich, aber eine schöne Zeit.
Hier hatte ich meine ersten Kontakte zur Realschule. Damals mussten alle Schüler, die zu einer weiterführenden Schule wollten, eine Aufnahmeprüfung machen.
In der Grundschule wurden drei Arbeiten ( Diktat, Aufsatz und Rechenarbeit) geschrieben, dazu eine Beurteilung durch den Klassenlehrer. Wer nicht die volle Punktzahl erreichte, musste eine mündliche Prüfung an der Schule seiner Wahl machen. Als Prüfungsmitglied betrat ich die Schule, in der ich später einmal bis zu meiner Pensionierung unterrichten sollte. Und das kam so:

Eines Tages besuchte mich Herr Becker, ein Grund und Hauptschullehrer, der in Keitum unterrichtete. Er sagte mir, dass er Realschullehrer werden wolle und fragte, ob ich nicht Lust hätte, die Ausbildung zusammen mit ihm zu machen. Ich traute es mir aus verschiedenen Gründen eigentlich nicht zu, aber versuchen wollte ich es. Und so fuhren wir während der Schulzeit  an Wochenenden und in den Ferien zu Fortbildungskursen zur Uni in Kiel. Da meine Abschlussprüfung im Fach Chemie besser ausfiel als erwartet , entschloss ich mich auch im Fach Physik die Prüfung zu machen. Und ich hatte das Glück, dass ich mich für ein Jahr bei vollem Gehalt beurlauben lassen konnte. Wie beim Abitur wussten wir auch bei diesen Prüfungen nicht - weder in den schriftlichen noch in den mündlichen - welche Stoffgebiete Gegenstand der Prüfungen sein würden. So hatte ich endlich alles überstanden, und der Weg als Lehrer an der Realschule war frei.

Realschullehrer von 1972-1997

Die alte Realschule lag damals in der Johann-Möller-Straße und hatte ungefähr 300-400 Schüler. Unser Schulleiter war Herr Scheer, der später nach Kiel berufen wurde und sich um die Entwicklung der Realschule große Verdienste erwarb. Kümmerlich war die Ausstattung für Versuche in den Fächern Physik und Chemie.

Die Klassenfrequenzen waren immer noch sehr groß, zwischen 30 und 40 Kindern.

Im Jahre 1977 wurde die neue Realschule fertig gestellt. Die Schülerinnen und Schüler trugen Stühle, Tische , Bänke und Ausrüstung von der alten zu neuen Schule, und was meine Fächer und die zugehörige Ausrüstung anging, war es ein Umzug ins Paradies. Die Fachräume des Gymnasiums und der Realschule wurden zusammengelegt und entsprechend die Ausrüstungen, so dass wir alle Unterrichtsthemen durch Lehrer- und Schülerversuche veranschaulichen konnten. Und glücklicherweise musste ich nicht nur in den Fächern

Physik und Chemie unterrichten, sondern auch das Fach Mathematik und im Verlauf der Jahre je nach Bedarf Musik, Sport, Religion, WPK ( Physik, Chemie, Technik, Photographie, Informatik, Werken). Die Zeit, die uns Lehrern zur Verfügung stand, wurde  noch nicht durch allzu viele Konferenzen und das Schreiben von Protokollen vergeudet.

Ich denke, die Realschule vermittelte ein solides Wissen, denn viele unsere Schüler haben weiterführende Schulen besucht und erfolgreich ein Studium abgeschlossen, sind tüchtige Handwerker und Meister geworden. Die meisten denken gerne an ihre alte Realschule  zurück - und diese Schulart hat nun mit Beginn des Schuljahres 2010-2011 aufgehört zu bestehen.

       Erich Hoppe

Westerland, den 23.10.2010